Die Marx-Bubble. Vom Medienhype des Longsellers in Zeiten der Finanzkrise / Von Sabine Nuss, Anne Steckner, Ingo Stützle

Ingo am 23. November 2008 um 15:39

»›Das Kapital‹ geht weg wie warme Weggli«, titelte am 14. Oktober 2008 der Schweizer Blick. Mit dieser Meldung brachte das Blatt eine Story, die in den letzten Wochen durch alle Medien geisterte: Der Verkauf des ersten Bands des »Kapital« hat sich nach Angaben des Berliner Karl Dietz Verlags, der unter anderem die Marx-Engels-Werke vertreibt, seit dem Jahr 2005 verdreifacht. Seither ist Verlagsleiter Jörn Schütrumpf ein gefragter Interviewpartner. Immer wieder muss er die gleichen Journalistenfragen beantworten, vor allem: Was sind das für Leute, die das Kapital lesen? Warum tun sie das? »Det ist die Krise«, erklärt der Verlagsleiter lakonisch.

Von der Zeit über die Welt, die Saarbrücker Zeitung bis zu TV-Berlin griffen alle bürgerlichen Medien das Thema auf: Marx ist wieder da. Schuld ist die Finanzkrise. Auch die Münchner Abendzeitung titelte: »Wegen der Finanzkrise kaufen immer mehr Menschen das Ur-Werk ›Das Kapital‹.« Die These schaffte es schließlich über den Teich. Associated Press schrieb, dass die Deutschen in der Finanzkrise »Trost bei Marx suchen«. Ich will mehr »

Durchblick mit Marx / Von Michael R. Krätke

Ingo am 5. November 2008 um 12:37

Die erste weltweite Wirtschaftskrise von 1857/58 offenbarte dem Ökonomen, wie durch eine Spekulationsblase die Realwirtschaft abstürzte. Einzige Rettung für den Kapitalismus waren im Aufbau befindliche Regionen.

In der Krise wird Marx wieder entdeckt. Karl Marx? Hauptwerk »Das Kapital« ist gefragt wie noch nie. Nicht nur auf seiten der Linken. Sogar einige »Qualitätszeitungen« der westlichen Welt haben im Laufe des schwarzen Oktober die toten Hunde Marx und Keynes, den britischen Ökonomen, wieder ausgegraben. »Komm zurück, Karl Marx! Alles ist vergeben«, so konnte man es lesen. So sehen es viele. Die jüngste internationale Finanzkrise, die erste wahrhaft weltweite Finanzkrise – nach einer nie dagewesenen Serie von Finanzkrisen, die regional und lokal begrenzt geblieben sind – hat das kapitalistische Weltsystem schwer erschüttert. Die Weltwirtschaftskrise, die auf uns zukommt und die in einigen Teilen der Welt schon längst begonnen hat, wird den Glauben an den Kapitalismus als die alternativlose und beste aller Welten weiter untergraben. Dieses Weltereignis, das uns noch länger beschäftigen wird, bis weit ins Jahr 2010 hinein, scheint dem Kapitalismuskritiker Marx in jeder Hinsicht Recht zu geben. »Karl Marx lebt«, »Hatte Marx nicht völlig Recht?« titelten die Gazetten.

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Die Kapitallesebewegung: Digitaler-Boheme- Bullshit

Ingo am 30. Oktober 2008 um 12:25

Seit dem sichtbaren Ausbruch der Finanzkrise ist Karl Marx ein Medienstar. Auch die taz nimmt sich da nichts und berichtet bereits zum zweiten Mal in Folge über die Kapitallektüre-Bewegung. So richtig trauen will die ehemals linke Tageszeitung der Sache nicht: Da werden Stimmen zitiert, die die Auflagensteigerung des Kapitals als Propaganda-Aktion des Dietz-Verlags interpretieren, ein Tag später kommentiert taz-Starautor Helmut Höge die Kapitallesebewegung und kommt zu dem Schluss, “dass der bundesweite “Marx-Marathon” an den Unis bloß ein Digitaler-Bohème-Bullshit ist, bei dem die Afterstudy-Partys vermutlich das Eigentliche sind.”

Wie immer schreibt Edelfeder Höge mit Wortwitz und -biss und damit trifft er durchaus kritische Punkte der Kapitallesebewegung. Beispielsweise schreibt Höge, dass die Kapitallektüre angewiesen sei auf “eher klammheimliche, aber auch gemütliche Selbstorganisation”, und weniger auf zentralisierte, durchgeplante Gross-Organisation mit Schulungscharakter. Aber würde er mehr mit den Leuten sprechen, die den ganzen Kladderadatsch organisieren, würde er erfahren, dass es gerade deren Hoffnung ist, dass sich die Kurse nach der ersten Initialzündung irgendwie selbst weiter organisieren und es auf diese Weise dann auch über den ersten Band hinaus schaffen.

Das ist wiederum etwas, was Autor Höge selbst offensichtlich nicht geschafft hat. Leider, muss man sagen, denn es schmälert seine sonst recht hübsche Glosse. Nach Höge besteht das Marx’sche Hauptwerk “im Wesentlichen aus der Warenanalyse – und die ist seit der Durchsetzung des Geldes als Ware, also seit etwa 500 vor Christi in Ionien, aktuell. Sie wird es auch wohl bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag bleiben.” Marx hätte sich mit großem Vergnügen auf diese Sätze gestürzt. Die “Durchsetzung des Geldes als Ware seit 500 vor Christi in Ionien” hätte er genüsslich zur Illustration der bürgerlichen Ökonomie genutzt, die in allen auch historisch weit zurückliegenden Gesellschaftsformen die bürgerlichen Formen am Werke sieht. Dass das Platzen der US-Finanzblase mit der Warenanalyse kaum zu begreifen ist, dem würde Marx wohl zustimmen. Die Analyse der von Finanzinstituten kreierten und verkauften Produkte hatte Marx auch erst im Dritten Band behandelt und zwar mit der Kategorie des “Fiktiven Kapitals”. Schön wärs, würde Helmut Höge eine kleine, gemütliche, selbstorganisierte Lesegruppe initiieren, dann wäre die nächste Glosse zum Thema sicher noch lustiger.

Sabine Nuss und Ingo Stützle

Wie schafft sich das Kapital seine Voraussetzungen?

Ingo am 30. Oktober 2008 um 11:10

Noch immer ist die MEGA nicht vollständig und noch immer erscheinen unbekannte Manuskripte zum Kapital. Fritz Fiehler bespricht in Sozialismus 10/2008 die MEGA II.11 mit Manuskripten zum zweiten Band des Kapital:

“In den 1960er Jahren haben Louis Althusser und Etienne Balibar zu einer Wiederentdeckung des Marxschen »Kapitals« beigetragen. Sie empfahlen, das erste Buch gründlich zu lesen, seinen Anfang auch wiederholt durchzugehen, bevor man über die kahlen und trockenen Hochebenen des zweiten Buches den Weg ins gelobte Land des Profits, des Zinses und der Rente finde. Mit dieser Empfehlung stellten sie das Verständnis vom »Kapital« als angewandten historischen Materialismus in Frage. Sie machten die geschichtsphilosophische Vereinnahmung der Marxschen Theorie strittig – und das im Verein mit Marxforschern wie Roman Rosdolsky, Witali Wygodski und Jindrich Zeleny. Das »Kapital« sollte als eine genuin kritische Theorie der Gesellschaft zu ihrem Recht kommen.

[download der Besprechung als pdf-Datei]

Mit Methode. Heute »Das Kapital« lesen heißt: sich auf eine ungewohnte Denkweise und auf ein unabgeschlossenes Werk einzulassen, das Weiterdenken verlangt / Von Michael R. Krätke

Ingo am 2. Oktober 2008 um 10:36

Warum soll man ein Buch lesen, nein, einen dicken Wälzer von mehr als 2300 Seiten, eine Schwarte, die vor gut 140 Jahren zum ersten Mal erschienen ist? Die Rede ist von Karl Marx’ »Das Kapital«, einem der einflußreichsten Bücher in der Geschichte der Sozialwissenschaften. Marx teilt das Schicksal aller in die Jahre gekommenen Klassiker: Er wird fleißig gelobt, noch fleißiger verdammt, aber kaum gelesen. Inzwischen scheint das wieder anders zu werden. Weltweit ist eine Marx-Renaissance im Gang: in Lateinamerika, in Europa, in Asien. Marx zu lesen, ist wieder »in«. Obwohl »Das Kapital« keine leichte Lektüre ist. Ich will mehr »

Workshop: Karl Marx´ Konzept der Kritik der politischen Ökonomie und die Linke heute

Ingo am 30. September 2008 um 10:07

Zu den bemerkenswerten Phänomenen im internationalen linken Spektrum gehört in jüngeren Zeit der intensive Diskurs über das wissenschaftliche Werk von Marx im allgemeinen wie seines Konzepts der Kritik der politischen Ökonomie im besonderen. Von Linken wird dabei nach Aktualität und Relevanz, nach Schranken und Produktivität sowie nach Historisierung und notwendiger Erweiterung dieses Werkes gefragt.

Das Programm als pdf-Datei

Termin: Freitag, 10. Oktober 2008, 13.30 bis 20.00 Uhr / Sonnabend, 11. Oktober 2008, 10 bis 18 Uhr, Eintritt: Fr. (1,50 Euro) / Sa. (5 Euro) – Wir bitten um Anmeldung!

Ort: Seminarraum, Helle Panke, Kopenhagener Str. 9

Veranstalter: Berliner Verein zur Förderung der MEGA-Edition e.V., Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge (Herausgeber und wissenschaftlicher Beirat), in Zusammenarbeit mit “Helle Panke” zur Förderung von Politik, Bildung und Kultur e.V.

Leitfaden zum Verständnis der Welt

Ingo am 22. September 2008 um 11:30

Über die gegenwärtige Bedeutung von Marx, 150 Jahre nach den »Grundrissen« interviewte Marcello Musto Eric Hobsbawm, einen der größten lebenden Historiker. Wir dokumentieren das Gespräch, das in der jungen welt abgedruckt wurde.

Zwei Jahrzehnte nach 1989, als er zu eilig dem Vergessen übergeben wurde, ist Karl Marx ins Rampenlicht zurückgekehrt. So widmete das französische Magazin Nouvel Observateur 2003 eine Spezialausgabe dem Thema »Karl Marx – der Denker des dritten Jahrtausends?«. Ein Jahr später stimmten in einer Meinungsumfrage des Fernsehsenders ZDF nach den wichtigsten Deutschen aller Zeiten mehr als 500000 Zuschauer für Marx; er wurde Dritter in der allgemeinen Eingruppierung und erster in der Kategorie »gegenwärtige Bedeutung«. Dann porträtierte ihn 2005 das Wochenmagazin Der Spiegel auf seinem Deckblatt unter dem Titel »Ein Gespenst kehrt zurück«, während Hörer des Programms »Zu unserer Zeit« auf BBC 4 für Marx als den größten Philosophen stimmten. In einem kürzlich veröffentlichten Gespräch mit Jacques Attali sagten Sie paradox »es sind mehr die Kapitalisten als andere, die Marx wiederentdeckt haben«, und Sie sprachen von Ihrem Erstaunen, als der Geschäftsmann und liberale Politiker George Soros zu Ihnen sagte: »Ich habe gerade Marx gelesen, und es gibt schrecklich viel Wahres in dem, was er sagt.« Was sind die Gründe für diese Wiederbelebung? Ist sein Werk nur für Spezialisten und Intellektuelle von Interesse, sollte es in Universitätskursen als große Klassik des modernen Denkens vorgestellt werden, das nie vergessen werden sollte? Oder könnte eine neue »Nachfrage nach Marx« zukünftig auch von politischer Seite kommen? Ich will mehr »

Das blaue Wunder

Sabine am 23. Juni 2008 um 12:16

Jetzt schreibt auch die Zeitung “Sonntag aktuell” über die Akutalität von Marx: “Marx ist tot. Das stimmte nach dem Fall der Mauer mehr denn je. Doch das ist 20 Jahre her. Heute sind die blauen Bände gefragt wie lange nicht mehr. Lebt Marx?” Der ganze Artikel

Der Gebrauchswert der blauen Bände

Ingo am 23. Juni 2008 um 12:15

Mit dem Interesse an Marx und seinem Das Kapital steigt auch die Nachfrage nach dem blauen Band 23 der MEW. Das war der Süddeutsche Zeitung sogar eine Reportage wert (23.6.2008) Wir dokumentieren. Ich will mehr »

Reading Marx’s Capital with David Harvey

Ingo am 17. Juni 2008 um 17:31

David Harvey, der Autor von u.a. Der neue Imperialismus (VSA-Verlag) hat 13 zweistündige Vorlesungen zum ersten Band des Kapitals auf seiner Website veröffentlicht. David Harvey ist Professor an der City University of New York (CUNY) und Autor mehrerer Bücher. Leider ist wenig ins Deutsche übersetzt. Er lehrt das marxsche Kapital inzwischen seit nahezu 40 Jahren. Die ersten vier lectures werden hier dokumentiert – weitere werden hoffentlich folgen.

Reading Marx’s Capital – Class 1, Introduction

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