Satellitenseminare 2012

Karl Marx’ Kritik der politischen Ökonomie bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Seit 2006 finden in der Rosa-Luxemburg-Stiftung Kapital-Kurse statt. In wöchentlichen Treffen wird das Hauptwerk von Karl Marx, Das Kapital, gemeinsam diskutiert. TeamerInnen strukturieren die Sitzungen, die Teilnehmenden stellen die gelesenen Textabschnitte kurz vor. Externe TeamerInnen laden wir zu Wiederholungssitzungen ein (Michael Heinrich) oder zum Thema Leben und Werk Karl Marx’ (Rolf Hecker). Um die Kapital-Lektüre herum kreisen übers Jahr verteilt verschiedene „Satellitenseminare“. Hier werden ausgewählte Probleme und Fragen zum Kapital und darüber hinaus vertieft: Wie unterscheiden sich herrschende Wirtschaftstheorien von der Marx’schen Kritik der Politischen Ökonomie? Wie steht es um die Möglichkeit, mit Marx die Geschlechterverhältnisse kritisch zu reflektieren? Wie lassen sich ökologische Fragen mit und im Anschluss an Marx diskutieren? Und nicht zuletzt: Welchen Spielraum haben soziale Auseinandersetzungen angesichts gegebner Handlungsstrukturen im Marx’schen Sinne?

Satelliten sind offen für alle Interessierten. Vorkenntnisse des Marxschen Kapital sind hilfreich.

Ort: Rosa-Luxemburg-Stiftung, Franz-Mehring-Platz 1, Berlin (Raum wird im Foyer bekannt gegeben)

Um Anmeldung bei Valeria Bruschi und Jana Flemming wird gebeten.

Programm der Satellitenseminare 2012 als pdf-Datei

Die Satellitenseminare im Jahr 2012:

 
23. Mai
Mit Kolja Lindner
Marx, Eurozentrismus und Postkolonialismus

Marx’ Denken findet in der postkolonialen Diskussion in der Regel wenig Anklang. Die in diesem Zusammenhang angeführten Artikel aus der New York Daily Tribune von 1853 beinhalten tatsächlich eine äußerst problematische Einschätzung des britischen Kolonialismus in Indien. Sie basiert u.a. auf orientalistischen Reiseberichten wie dem von François Bernier. In den folgenden 30 Jahren seines Leben entwickelt Marx jedoch durchaus differenziertere Positionen zu sozialen Verhältnissen in der außereuropäischen Welt und zum Kolonialismus. Bisweilen bricht er sogar mit eurozentrischen Forschrittserzählungen. In dieser Perspektive bietet sich ein Dialog zwischen Marx-Debatte und postcolonial studies sowie global history an. Diese kritischen Theorien können voneinander lernen, wenn es darum geht, globalen Kapitalismus, historischen Fortschritt und kontingente Entwicklung zu denken.

 

27. Juni
Mit Frigga Haug 
Marx und der Feminismus

„Marxismus und Feminismus führten eine unglückliche Ehe“ titelte die US-Amerikanerin Heidi Hartmann 1981 ihren Beitrag zur Diskussion um kapitalistische und patriarchale Herrschaft. Es lohnt sich, diese These auseinanderzulegen und sich einen kurzen Überblick über die Kämpfe in der Frauenbewegung gegen Marx und den Marxismus und ihr historisches Recht zu verschaffen. Im Anschluss will ich prüfen, was aus den Kritiken und Forderungen der Frauenbewegung im Zuge des globalen High-tech-Kapitalismus wurde, um schließlich in einem dritten Teil eine andere Lesweise von Marx und auch Engels vorzuschlagen, die einen aktuellen Nutzen verspricht. Es geht also darum, Marx feministisch zu beerben. Dies erweist sich als umso dringlicher, als die teilweise festgefahrenen Diskussionen um den Arbeitsbegriff, der politisches Handeln begründet, dazu zwingt, eine Perspektive anzuzielen, die umfassend die verstrittenen Bewegungen zusammenführen kann und also hegemonial ist.

 

24. Oktober
Mit Christian Frings
Die neue Marx-Lektüre des frühen Operaismus

Der Verzicht der kommunistischen Parteien im Westen auf revolutionäre Klassenpolitik und der Arbeiteraufstand im sozialistischen Ungarn 1956 stürzten den Marxismus in eine tiefe Krise. Einer der interessantesten Versuche, sich Marx’ Kritik der politischen Ökonomie auf neue Weise anzueignen und für radikale Arbeiterpolitik fruchtbar zu machen, ging von einer dissidenten Strömung in Italien aus. Die Gruppe um die ab 1961 erscheinenden „Quaderni Rossi“ und deren Wortführer Raniero Panzieri verband ihre akribische Neulektüre des „Kapitals“ mit einer kritischen Rezeption der Industriesoziologie und eigenen Untersuchungen in der Fabrik. Sie legten die fundamentale Kritik von Marx am despotischen Charakter der kapitalistischen Arbeitsorganisation wieder frei, die nach Marx vergessen und durch eine produktivistische Verherrlichung der Rationalität ersetzt worden war. Und sie arbeiteten die revolutionäre Bedeutung des von Marx systematisch entwickelten Begriffs des „kombinierten Gesamtarbeiters“ heraus, die sie zur Formulierung einer „strategischen Umkehr“ (Mario Tronti) im Verhältnis von Arbeiterklasse und Kapital brachte. Bis heute findet diese neue Lesart von Marx ihren Niederschlag in den philosophischen Ansätzen von Negri oder Holloway und in den empirisch-historischen Forschungen von Arrighi und Silver.

 

28. November
Mit Eva Bockenheimer 
Karl Marx und die Hegelsche Dialektik

Ein wesentliches Anliegen von Marx und Engels war, den Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft zu erheben, damit er nicht bloß „geglaubt“ oder „ersehnt“ werden muss, sondern rational begründet werden kann. Auch seine historisch-materiellen Voraussetzungen sollten benannt werden können. Kurz: eine Reflexion der Methode wissenschaftlicher Forschung und Darstellung war nötig. Marx bezeichnet seine Methode als „dialektisch“ und stellt sich damit bewusst in die Tradition der Hegelschen Philosophie. An ihrem Kern hält er fest, kritisiert aber ihre mystifizierte Form. Laut Marx ist die Dialektik „dem Bürgertum […] ein Gräuel, weil sie in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis […] seines notwendigen Untergangs einschließt, jede gewordene Form (…) auch nach ihrer vergänglichen Seite auffasst, sich durch nichts imponieren lässt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist.“ (MEW 23, 27f.) Was genau das dialektische Denken auszeichnet und worin sich die Marxsche Dialektik von der Hegelschen unterscheidet – darum geht es in diesem Satellitenseminar.