Satellitenseminare 2013

Karl Marx’ Kritik der politischen Ökonomie bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Seit 2006 finden in der Rosa-Luxemburg-Stiftung Kapital-Kurse statt. In wöchentlichen Treffen wird das Hauptwerk von Karl Marx, Das Kapital, gemeinsam diskutiert. TeamerInnen strukturieren die Sitzungen, die Teilnehmenden stellen die gelesenen Textabschnitte kurz vor. Externe TeamerInnen laden wir zu Wiederholungssitzungen ein (Michael Heinrich) oder zum Thema Leben und Werk Karl Marx’ (Rolf Hecker). Um die Kapital-Lektüre herum kreisen übers Jahr verteilt verschiedene „Satellitenseminare“. Hier werden ausgewählte Probleme und Fragen zum Kapital und darüber hinaus vertieft: Wie unterscheiden sich herrschende Wirtschaftstheorien von der Marx’schen Kritik der Politischen Ökonomie? Wie steht es um die Möglichkeit, mit Marx die Geschlechterverhältnisse kritisch zu reflektieren? Wie lassen sich ökologische Fragen mit und im Anschluss an Marx diskutieren? Und nicht zuletzt: Welchen Spielraum haben soziale Auseinandersetzungen angesichts gegebner Handlungsstrukturen im Marx’schen Sinne?

Satelliten sind offen für alle Interessierten. Vorkenntnisse des Marxschen Kapital sind hilfreich.

Ort: Rosa-Luxemburg-Stiftung, Franz-Mehring-Platz 1, Berlin (Raum wird im Foyer bekannt gegeben)

Um Anmeldung bei Anne-Kathrin Krug und Antonella Muzzupappa wird gebeten.

Programm der Satellitenseminare als pdf-Datei

 

Die Satellitenseminare im Jahr 2013:

 

29. Mai 2013 – 19.00 Uhr – mit Michael Heinrich
Der Fetisch: von Geheimnissen, okkulten Qualitäten und Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise

Die marxsche Kapitalismusanalyse ist nicht nur mit Mehrwertproduktion und Ausbeutung befasst, sondern auch mit dem Fetisch, dessen erste Gestalt bereits zu Beginn des Kapitals behandelt wird. Die Fetischformen erzeugen zwar eine Welt des Scheins, doch sind sie zugleich harte Realität und nicht etwa nur «falsches Bewusstsein». Auch beschränkt sich der Fetischismus keineswegs auf die Ware. Die Analyse von Fetischformen und Mystifikationen durchzieht alle drei Bände des Kapitals. Sie kulminiert in der Untersuchung der «Trinitarischen Formel», mit der Marx die «verzauberte, verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt» des kapitalistischen Alltags auf den kritischen Begriff bringt.

 

25. Juni 2013 – 19.00 Uhr – mit Ingo Stützle
Wie Marx mit der Europäischen Zentralbank klarkommt

Wer im ersten Band des marxschen Kapitals im dritten Kapitel angelangt ist, in dem es um das Geld und die Geldfunktionen geht, stellt sich unweigerlich die Frage: Marx setzt ständig voraus, dass Gold die Rolle des Geldes übernimmt. Ist das heute immer noch so? Wenn nicht: Bricht Marx’ Argumentation an diesem Punkt nicht wie ein Kartenhaus in sich zusammen? Schließlich ist die Geldware ein wichtiger Unterschied zu Neoklassik und keynesscher Theorie. Sie haben kein Problem damit, dass seit Jahrzehnten kein Goldwährungssystem mehr herrscht. Aber: Zeigt nicht der in der Krise gestiegene Goldpreis grade, dass Marx eben doch recht hatte? Liefert Marx’ Werttheorie nicht doch eine adäquate Geldtheorie, die mit der Europäischen Zentralbank ebenso klarkommt wie mit anderen modernen Phänomenen – nicht nur in der Krise?

 

15. Oktober 2013 – 19.00 Uhr – mit Fritz Fiehler
Wenn Klassiker old school werden. Kurze Geschichte der Einführungsliteratur in Marx

Jede Generation der Marx-Lektüre hat ihre eigene Einführungsliteratur. Eine Einführung in Marx’ Kritik der politischen Ökonomie ist immer schon eine Interpretation des Originals, eine bestimmte Lesart und eine Verdichtung des politisch-theoretischen Kontexts, in dem Marx jeweils rezipiert wurde. Das Kapital wird also immer neu gelesen – und anders. Warum? Welche Debatten, Auseinandersetzungen und Fragen bringen sie in spezifischer Form zum Ausdruck?

Die ersten beiden Generationen der Arbeiterbewegung stützen sich auf «Karl Marx’ ökonomische Lehre» von Karl Kautsky. Mit dem Fordismus und der Spaltung in eine sozialdemokratische und kommunistische Arbeiterbewegung waren die Essentials von Marx’ Ökonomiekritik aber nicht mehr unter einen Hut zu bringen. Es folgte etwa das von Nikolai Bucharin herausgegebene Lehrbuch, mit dem sich Antonio Gramsci intensiv auseinandersetzte und Kriterien für oppositionelles Wissen formulierte. Mit Paul M. Sweezy Buch »Theorie der kapitalistischen Entwicklung» (1942) lag schließlich eine Art marxistische Makroökonomie vor und erlangte damit auch Anerkennung in den Wirtschaftswissenschaften. Welche Anforderungen hat aber die Generation des Finanzmarktkapitalismus, des iPhones und der Praktika?

 

12. November 2013 – 19.00 Uhr – mit Hanna Meißner
Kritik der politischen Ökonomie – feministisch gelesen

Was kann die marxsche Kritik der politischen Ökonomie zur Analyse der Geschlechterverhältnisse beitragen? Diese Frage wurde in Teilen der feministischen Debatten lange intensiv und kontrovers diskutiert, ist allerdings in der jüngeren Vergangenheit etwas in den Hintergrund getreten. Ausgehend von Diskussionen um poststrukturalistische und queer/feministischen Theorien, lohnt sich allerdings eine erneute Re-Lektüre der marxschen Texte. Marx bietet für (feministische) Gesellschaftskritik ein wichtiges Instrumentarium, da er mit der kapitalistischen Produktionsweise einen historischen Strukturzusammenhang erkennbar macht, der unserem In-der-Welt-Sein (auch in seiner vergeschlechtlichten Dimension) bestimmte Formen und Dynamiken vorgibt und spezifische Hierarchisierungen sowie versachlichte Herrschaftsverhältnisse hervorbringt.

Interessant ist dabei nicht so sehr das, was Marx selbst zum Verhältnis von Männern und Frauen und zur geschlechtlichen Arbeitsteilung geschrieben hat. In einer Lektüre von Marx nach Judith Butler (und Michel Foucault) lässt sich argumentieren, dass auf der analytischen Abstraktionsebene, auf der Marx die Strukturen der kapitalistischen Produktionsweise rekonstruiert, gar keine Aussagen über Geschlechterverhältnisse oder Heteronormativität möglich sind. Wird dies als (notwendige) Grenze der marxschen Analyse gelesen, dann lassen sich Anschlüsse zu einer queer/feministischen Perspektive eröffnen.