Rezension des MEGA²-Bandes IV.12

In der NZZ vom 15. Mai 2008 erschien eine Besprechung des MEGA²-Bandes IV.12 mit den Exzerpten und Notizen zwischen September 1853 bis Januar 1855 von Jens Grandt:

Revolutionär, Journalist, Universalgelehrter. Karl Marx in Notizen, Exzerpten, Marginalien und Zeitungsartikeln

Als der amerikanische Präsident John F. Kennedy vor Zeitungsverlegern seines Landes dem politischen Journalismus einen Lorbeerkranz flechten wollte, kam er – für manche überraschend – auf Karl Marx zu sprechen. Er erinnerte an des Deutschen Mitarbeit an der seinerzeit bedeutendsten Tageszeitung, der «New York Tribune». Hätte deren damaliger Herausgeber Horace Greeley seinen Londoner Korrespondenten besser bezahlt, so Kennedy, und hätte «diese kapitalistische New Yorker Zeitung ihn freundlicher behandelt (. . .), hätte die Geschichte anders verlaufen können». Diese Episode übermittelt James Ledbetter in der Einführung zu einer jüngst in London erschienenen Anthologie jener Texte, die Marx in der «New York Tribune» veröffentlicht hat.


Marx war elf Jahre lang, von 1851 bis 1862, Leitartikler der noch vor der Londoner «Times» auflagenstärksten Tageszeitung der Welt. Weder vorher noch nachher hat er über solch journalistischen Einfluss geboten. Diese bisher wenig bekannte Seite seines Œuvre ist erst nach der Neukonstitution der Marx-Engels-Gesamtausgabe im vereinten Deutschland gebührend gewürdigt worden. Die mit der «MEGA» betraute Arbeitsgruppe an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, anfangs mit linken Ressentiments und rechtem Sperrfeuer bedacht, gilt heute als das einzige akademische Referenzzentrum in Sachen Marx und Engels. Sie hat nicht nur zahlreiche anonym erschienene Artikel als Marx-Texte identifiziert; ihr ist auch die schrittweise Edition eines in den Tresoren der Internationalen Marx-Engels-Stiftung, Amsterdam, ruhenden Schatzes zu danken: der bisher (mit wenigen Ausnahmen) unveröffentlichten Exzerpte, Notizen und Marginalien.

Die zu Lebzeiten von Marx und Engels ungedruckt gebliebenen Notate aus dem Schwarztintenreich werden in der Abteilung IV der Gesamtausgabe gesammelt. Als während der politischen Neuorientierung nach 1989 die Fortführung des Editionsprojekts in Frage stand, war auch diskutiert worden, ob die auf 31 Bände geplante vierte Abteilung eingestellt werden solle. Jetzt erweist sich, dass gerade die Herausgabe des sekundären Nachlasses eine neue Sicht auf Werk und Person von Marx erlaubt.

Der jüngste Band in der Exzerpte-Reihe (IV/12, September 1853 bis Januar 1855) dokumentiert neun Notizhefte von Marx zur Geschichte der Diplomatie und zur Geschichte Spaniens sowie Exzerpte militärgeschichtlicher Natur von Engels. Das Besondere: Alle diese Aufzeichnungen entstanden als Vorarbeiten und Materialsammlung für Zeitungsartikel. Nachvollziehbar wird, warum, aus welchem Anlass und wie sich Marx mit der internationalen Politik befasst hat. Das Generalthema jenes Jahrzehnts war die «orientalische Frage»: der Verfall des Osmanischen Reiches und der Krimkrieg (1853 bis 1856), der die Dimension eines Weltkrieges angenommen hatte.

Marx widmete sich den internationalen politischen Beziehungen, wobei zweierlei bemerkenswert ist: Entgegen der üblichen Betrachtung erscheint ihm nicht der österreichische Staatskanzler von Metternich als die wichtigste Person im Ränkespiel der Mächte, sondern der britische Aussenminister und Premier Lord Palmerston. Der «Palmerston-Essay» von Marx gehört zu den klassischen Texten des Journalismus. Zum anderen zeigen die Notizen zu religiösen Phänomenen, insbesondere zur Geschichte der russisch-orthodoxen Kirche, dass Marx sein apodiktisches Urteil aus dem Jahre 1844 relativiert, wonach die «Kritik der Religion im Wesentlichen abgeschlossen» sei. Aus den Exzerpten und ihrem Niederschlag in Pressebeiträgen wird ersichtlich: Nur in philosophischer, nicht in praktischer Hinsicht hielt er die Religion für erledigt.

Marx erkennt das kulturell begründete Eigengewicht der Religion in politischen Fragen an, legt aber auch die Machtinteressen frei, die sich hinter den Glaubensparteien und ihren Kämpfen um die religiöse Vorherrschaft über die heiligen Stätten (unmittelbarer Anlass des Krimkrieges) verbergen. Dem französischen Diplomaten César Famin folgend, vertritt er in der «New York Tribune» die Auffassung, dass der Koran und die auf ihm beruhende Gesetzgebung die Völker in Muslime und Ungläubige aufspalte, wodurch eine permanente Feindschaft begründet werde. Einen Ausweg sieht er in der strikten Trennung von Staat und Kirche nach westeuropäischem Vorbild.

Als hätte Marx den Donnerschlag eines politischen Bebens auf der Iberischen Halbinsel vorausgeahnt, beginnt er 1852 Spanisch zu lernen; bald kann er Calderón und den «Don Quijote» im Original lesen. Im Sommer 1854 ist es so weit, der erwartete Militäraufstand unter General Domingo Dulce bemächtigt sich der Hauptstadt. Die ersten Informationen über die schwer durchschaubaren Ereignisse übermittelt der «Own Correspondent» aus London noch in der Form der Presseschau; bald aber erweitern sich seine Berichte zu faktengespickten, historischen Exkursen mit grundlegenden Schlussfolgerungen. Um die Besonderheiten der spanischen bürgerlichen Revolutionen – es ist schon die vierte – beurteilen zu können, fertigt Marx in der Bibliothek des British Museum aus einschlägigen Schriften von 36 Autoren unterschiedlicher Nationalität Exzerpte in einem Umfang von 550 Druckseiten an. Daraus gehen Zeitungsartikel hervor, die in der Werkausgabe etwa 70 Seiten umfassen.
Gewaltige Anstrengung

Die Notate entfalten eine Eigendynamik, die das Interesse ihres Autors anstachelt – etwa dasjenige am Verfassungsdenken. Marx analysiert Artikel für Artikel die erste auf der Idee der Volkssouveränität basierende, die sogenannte Cádizer Verfassung von 1812 und charakterisiert sie als das «Urmeter» des europäischen Liberalismus. Wie er überhaupt den abrupten, oft gewalttätigen Machtwechseln in Spanien einen grösseren Einfluss auf die europäische Politik zubilligt als die meisten Autoren seiner Zeit.

Man kann die Abteilung IV der Marx-Engels-Gesamtausgabe als einen Jahrhundertspiegel der Ideengeschichte auffassen. Allein die Galerie der reflektierten Werke und Autoren mit ihrem biografischen Hintergrund ist höchst aufschlussreich und Marxens Erkenntnisdrang beeindruckend. Stellt man die anderen, bereits erschienenen oder noch erscheinenden Bände mit ökonomischen, philosophischen, mathematischen, physiologischen und anderen naturwissenschaftlichen Exzerpten in Rechnung, so lässt sich die ungeheure Anstrengung eines Ganzheitsdenkens ermessen; und es ergibt sich ein in der bisherigen Rezeption so nicht gesehenes Bild von Marx als einem der letzten Universalgelehrten – der, als Einzelner, an der Fülle des Materials scheitern musste.

James Ledbetter (Ed.): Dispatches for the New York Tribune. Selected Journalism of Karl Marx. Penguin Classics, London 2007. 352 S., £ 12.99. Karl Marx, Friedrich Engels: Exzerpte und Notizen, September 1853 bis Januar 1855. Band IV/12 der Marx-Engels-Gesamtausgabe, bearbeitet von Manfred Neuhaus und Claudia Reichel. Akademie-Verlag, Berlin 2007. 1762 S., Fr. 318.–.

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