Eigentum macht dumm

Im Rheinischen Merkur wurde am 8. Mai ein Interview mit Karl Marx abgedruckt. Wir dokumentieren:

Jetzt spricht der Chefdenker: Karl Marx über Freizeit, die Globalisierung, Charity-Dinner und die Freuden des Fischens.

Rheinischer Merkur: Was macht wahren Reichtum aus, Herr Marx?

Karl Marx: Freie Zeit, verfügbare Zeit ist der Reichtum selbst.

RM: Und wie sollen wir die nutzen?

Marx: Teils zum Genuss der Produkte, teils zur freien Tätigkeit, die nicht wie die Arbeit durch den Zwang eines äußeren Zwecks bestimmt ist, der erfüllt werden muss.

RM: Sie klingen wie ein moderner Apostel der Freizeitbewegung!

Marx: Ein Mensch, der nicht über freie Zeit verfügt, dessen Lebenszeit abgesehen von rein physischen Unterbrechungen durch Schlaf, Mahlzeiten und so weiter von seiner Arbeit für den Kapitalisten verschlungen wird, ist weniger als ein Lasttier. Er ist eine bloße Maschine zur Produktion von fremdem Reichtum, körperlich gebrochen und geistig verroht.

RM: Sie sind ein Gegner des Liberalismus. Passt das zu Ihrem Kampf für die Unterdrückten?

Marx: Wenn der Mensch von den Umständen gebildet wird, so muss man die Umstände menschlich bilden.

RM: Haben Sie nicht ein etwas naives Menschenbild?

Marx: In gewisser Art geht’s dem Menschen wie der Ware. Da er weder mit einem Spiegel auf die Welt kommt noch als Fichtescher Philosoph: Ich bin ich, bespiegelt sich der Mensch zuerst in einem anderen Menschen. Erst durch die Beziehung auf den Menschen Paul als seinesgleichen bezieht sich der Mensch Peter auf sich selbst als Mensch. Damit gilt ihm aber auch der Paul mit Haut und Haaren, in seiner paulinischen Leiblichkeit, als Erscheinungsform des Genus Mensch.

RM: Sie wirken ja richtig religiös! Dabei glauben Sie doch, die Religion sei „das Opium des Volkes“!

Marx: Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist.

RM: Kommen wir zu unserem Thema, der Ökonomie: Wo sehen Sie den Beginn des modernen Kapitalismus?

Marx: Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingeborenen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Gehege zur Handelsjagd auf Schwarzhäute bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära. Diese idyllischen Prozesse sind Hauptmomente der ursprünglichen Akkumulation. Auf dem Fuß folgt der Handelskrieg der europäischen Nationen, mit dem Erdrund als Schauplatz.

RM: Sind Sie gegen die Globalisierung?

Marx: Wie sich das Geld zum Weltgeld, entwickelt sich der Warenbesitzer zum Kosmopoliten. Die Ware ist an und für sich über jede religiöse, politische, nationale und sprachliche Schranke erhaben.

RM: Sie selbst waren stets arm, ohne Friedrich Engels wären Sie in London verhungert. Was bedeutet Ihnen Geld?

Marx: Das Geld ist der gemeinsame Maßstab aller, auch der heterogensten Dinge. Das Geld erniedrigt alle Götter des Menschen – und verwandelt sie in eine Ware.

RM: Sprechen wir von heute: Nokia verlagert Arbeitsplätze von Bochum nach Rumänien! Muss das sein?

Marx: Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden.

RM: Das wollen Sie ändern, indem Sie die Klassengegensätze aufheben?

Marx: In dem Maße, wie die Exploitation des einen Individuums durch das andere aufgehoben wird, wird die Exploitation einer Nation durch die andere aufgehoben.

RM: Aber muss man deshalb gleich das Privateigentum abschaffen, das ja . . .

Marx: Das Privateigentum hat uns so dumm und einseitig gemacht, dass ein Gegenstand erst der unsrige ist, wenn wir ihn haben, wenn er also als Kapital für uns existiert oder von uns unmittelbar besessen, gegessen, getrunken, an unsrem Leib getragen, von uns bewohnt et cetera, kurz, gebraucht wird!

RM: Das Privateigentum ist aber doch Ziel und Antrieb der Wirtschaft. Besser ein kleines Haus als gar keines!

Marx: Erhebt sich aber neben dem kleinen Haus ein Palast, schrumpft das kleine Haus zur Hütte zusammen. Das kleine Haus beweist nun, dass sein Inhaber keine oder nur die geringsten Ansprüche zu machen hat!

RM: Aber auch die Armen profitieren vom Aufschwung!

Marx: Die besitzende Klasse und die Klasse des Proletariats stellen dieselbe menschliche Selbstentfremdung dar. Aber die erste Klasse fühlt sich in dieser Selbstentfremdung wohl und bestätigt, weiß die Entfremdung als ihre eigne Macht und besitzt in ihr den Schein einer menschlichen Existenz; die zweite fühlt sich in der Entfremdung vernichtet.

RM: Es gibt Versuche, die Gegensätze zu mildern: wohltätige Organisationen, Charity-Dinner et cetera!

Marx: Das menschliche Elend selbst muss der Aristokratie des Geldes und der Bildung zum Spiel, zur Befriedigung ihrer Selbstliebe, zum Kitzel ihres Übermuts, zum Amüsement dienen. Die vielen Wohltätigkeitsvereine, die Konzerte, Bälle, Schauspiele, Essen für Arme, selbst die öffentlichen Subskriptionen für Verunglückte haben keinen andern Sinn. In dieser Weise wäre also auch die Wohltätigkeit längst als Unterhaltung organisiert.

RM: Auch Arme wollen konsumieren. Ist doch gut, dass unsere Wirtschaft diesen Reichtum an Waren anbietet?

Marx: Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, dass sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken.

RM: Sie reden vom Tauschwert und vom Mehrwert?

Marx: Die Form des Holzes zum Beispiel wird verändert, wenn man aus ihm einen Tisch macht. Nichtsdestoweniger bleibt der Tisch Holz, ein ordinäres sinnliches Ding. Aber sobald er als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen anderen Waren gegenüber auf den Kopf und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne.

RM: Das klingt sehr poetisch, aber im Ernst: Es ist doch gut, dass wir die Bedürfnisse der Verbraucher befriedigen können. Im sogenannten Kommunismus hat das nie geklappt!

Marx: Die Produktion produziert nicht nur einen Gegenstand für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für den Gegenstand.

RM: Jetzt mal konkret: Sie als Raucher sind gegen Genuss und Konsum?

Marx: Jeder Mensch spekuliert darauf, dem andern ein neues Bedürfnis zu schaffen, um ihn zu einem neuen Opfer zu zwingen, um ihn in eine Abhängigkeit zu versetzen und ihn zu einer neuen Weise des Genusses und damit des ökonomischen Ruins zu verleiten.

RM: Ruin durchs Rauchen?

Marx: Mit der Masse der Gegenstände wächst das Reich der fremden Wesen, denen der Mensch unterjocht ist, und jedes neue Produkt ist eine neue Potenz des wechselseitigen Betrugs und der wechselseitigen Ausplünderung.

RM: Ehrlich gesagt: Auf uns wirken Sie, auch durch Ihren Bart, so ernst. Was macht Ihnen eigentlich Spaß?

Marx: Wühlen in Büchern!

RM: Haben Sie ein Lieblingsgericht?

Marx: Fisch.

RM: Verraten Sie uns, wie ein gelungener Tag für Sie aussähe?

Marx: Heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.

RM: Das wäre wohl eher im Feudalismus denkbar als im Kommunismus!

Marx: In einer kommunistischen Gesellschaft gibt es keine Maler, sondern höchstens Menschen, die unter anderem auch malen.

RM: Apropos Kunst: Sie lesen gerne, Shakespeare, Aischylos, Goethe. Hat der Kommunist Marx auch Helden?

Marx: Spartakus, Kepler, Gretchen.

RM: Privat, heißt es, lieben Sie die Ruhe. Was verstehen Sie darunter?

Marx: Unter Ruhe verstehe ich Familienleben, den Lärm der Kinder, diese mikroskopische Welt, die viel interessanter ist als die makroskopische.

RM: Und was bedeutet Glück für Sie?

Marx: Zu kämpfen!

Kapital-Spezialist
Karl Marx ist tot, doch seine Ideen bleiben virulent. Seine Hauptwerke, das „Manifest der Kommunistischen Partei“ (mit Friedrich Engels) und „Das Kapital“, veränderten die Weltgeschichte. Heute ist Marx der berühmteste aller vergessenen Autoren: Die einen haben ihn nie gelesen, die anderen verdrängen, dass sie ihn studieren mussten. Aber Marx ist ein Denker von heute, gerade wenn man wünschte, es wäre anders.
Die Antworten unseres Interviews entnehmen wir dem dieser Tage im Herder Verlag erscheinenden Band „Mit Marx richtig reich werden“, herausgegeben von Hans-Joachim Neubauer und Christiane Seiler (159 Seiten, 7 Euro).

Die Fragen stellte Hans-Joachim Neubauer.

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