Pro & Contra Marx in der FAS
Wenn auch mit einem handwerklichen Fehler – Marx’ hat nicht den 125., sondern den 190. Geburtstag – diskutiert die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (4.Mai, S. 32) das Pro und Contra der marxschen Theorie. Wir dokumentieren:
PRO
Marx macht mobil | Von Claudius Seidl
Ach, wie schade, dass ausgerechnet jene, die sich heute links nennen, so selten nachschlagen bei Karl Marx. Die Veteranen von 1968 zum Beispiel, die uns heute erzählen wollen, dass ihre Revolte gescheitert sei – wo doch ganz klar ist, dass damals, damit die Produktivkräfte des Kapitalismus sich entfalten könnten, erst die alten Autoritäten, die Kirche, die Familie, die Bindungskraft der Tradition, entmachtet werden mussten – weil eben so ein allseits reduzierter autoritärer Charakter weder den Apple-Computer erfunden hätte noch das World Wide Web. Und weil ein Kirchgänger für Sonntagsarbeit nicht zur Verfügung gestanden hätte. Und wer von Marx anscheinend nie gehört hat, das sind, von Franz Müntefering bis Kurt Beck, jene Nachlassverwalter der SPD, welche die entfesselten Produktivkräfte als Heuschrecken denunzieren und den Fortschritt mit den Mitteln der Moral anhalten wollen – wo doch der Autor des “Kommunistischen Manifests” darüber jubelte, dass dieser Fortschritt alle bornierten Verhältnisse zerstören würde. Über Luther spottete der junge Marx: “Er hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat.” Wozu man heute nur sagen kann: Das Proletariat ist verschwunden, der Protestantismus ist uns aber geblieben. Jeder Laie lässt dem Pfaffen in sich selber freien Lauf, jeder, dem die bestehenden Verhältnisse nicht passen, glaubt, eine Predigt sei die Antwort. Wo Analysen nötig wären, herrschen die Moral und, vor allem, ihre Schwundstufe, das Ressentiment. Kaum etwas, schrieb aber der junge Marx, sei so beschränkt wie deutsche Moral und Ehrlichkeit. Man muss ihn wieder lesen. Nicht weil er der Denker des Sozialismus, sondern weil er der des Kapitalismus ist.
CONTRA
Marx noch mal! | Von Peter Körte
Es gab mal eine Zeit, da blühten an den Universitäten die “Kapital”-Kurse, und wenn die meisten auch kaum über die ersten hundert Seiten des ersten Bandes hinauskamen und bald frustriert aufgaben, weil da nichts über den revolutionären Kampf stand und schon gar nichts über die Partei als Vorhut der Arbeiterklasse, so war doch der Eifer beachtlich, mit der sich Latzhosen- wie Lederjackenträger durch die Anfangsgründe der politischen Ökonomie quälten, ohne allzu viel zu verstehen, weil Marx sich einen Spaß daraus gemacht hat, die Verhältnisse von Ware und Geld sprachlich so zu inszenieren, als wolle er nebenbei auch noch Hegels “Wissenschaft der Logik” parodieren. Dieser massenhafte Arbeitsgruppenmarxismus gehört jedoch längst zur Ethnologie der Bundesrepublik, und es spielt daher auch keine Rolle, ob Marx nun eine große Rolle spielen soll; es hat ja genug historische Rollenspiele gegeben, in denen die Darsteller mit marxistischen Accessoires auf die Bühne kamen – es wäre dann heute vielleicht doch besser, die blauen Bände einfach mal zu lesen, wegen der literarischen Qualitäten, der präzisen Gedankenführung, der Bildung und des polemischen Temperaments ihres Autors. Es war auch nie leichter als heute, weil der ganze Begriffsschutt der Sektierer abgeräumt und vor allem die Erwartung einfach verdunstet ist, in einem Buch politische Handlungsanweisungen zu finden. Hätten nur genug Leser das Kapitel über den “Fetischcharakter der Ware” nicht bloß rezitiert, sondern auch kapiert, dann hätte sich womöglich auch die Einsicht durchgesetzt, dass eine Theorie, die alle Welträtsel zu lösen behauptet, ebenso ein Fetisch ist wie die Annahme, Marx habe im “Kapital” zur Gründung der DDR aufgerufen.