Durchblick mit Marx / Von Michael R. Krätke

Die erste weltweite Wirtschaftskrise von 1857/58 offenbarte dem Ökonomen, wie durch eine Spekulationsblase die Realwirtschaft abstürzte. Einzige Rettung für den Kapitalismus waren im Aufbau befindliche Regionen.

In der Krise wird Marx wieder entdeckt. Karl Marx? Hauptwerk »Das Kapital« ist gefragt wie noch nie. Nicht nur auf seiten der Linken. Sogar einige »Qualitätszeitungen« der westlichen Welt haben im Laufe des schwarzen Oktober die toten Hunde Marx und Keynes, den britischen Ökonomen, wieder ausgegraben. »Komm zurück, Karl Marx! Alles ist vergeben«, so konnte man es lesen. So sehen es viele. Die jüngste internationale Finanzkrise, die erste wahrhaft weltweite Finanzkrise – nach einer nie dagewesenen Serie von Finanzkrisen, die regional und lokal begrenzt geblieben sind – hat das kapitalistische Weltsystem schwer erschüttert. Die Weltwirtschaftskrise, die auf uns zukommt und die in einigen Teilen der Welt schon längst begonnen hat, wird den Glauben an den Kapitalismus als die alternativlose und beste aller Welten weiter untergraben. Dieses Weltereignis, das uns noch länger beschäftigen wird, bis weit ins Jahr 2010 hinein, scheint dem Kapitalismuskritiker Marx in jeder Hinsicht Recht zu geben. »Karl Marx lebt«, »Hatte Marx nicht völlig Recht?« titelten die Gazetten.

Marx als Krisenforscher

So wie Marx und Engels mit dem Untergang der Sowjetunion und ihrer Satelliten auf dem Müllhaufen der Geschichte abgeladen wurden, so werden sie nun, in der schwersten Krise des kapitalistischen Weltsystems seit 80 Jahren, als Untergangspropheten wieder entdeckt. Schon einmal, vor zehn Jahren, feierten Marx und Engels, die Autoren des »Kommunistischen Manifests«, fröhliche Urständ – als Propheten der »Globalisierung«. Die ihn damals in allen Tonarten priesen, vergaßen nur, daß er die »Globalisierung«, die Entstehung und Entwicklung des Weltmarkts, nicht nur als Fortschritt sah, sondern zugleich die kapitalistische Weltwirtschaft als ein weltweites System von Ausbeutung, Unterdrückung, Enteignung und Ausplünderung der Welt durch die reichen Bourgeoisnationen kritisierte. Mit dem Weltmarkt, mit dem Welthandelssystem, mit der entwickelten internationalen Arbeitsteilung wird die Entwicklung des Kreditsystems beschleunigt. Das moderne Kreditsystem, die Banken und die Börsen, zusammengefaßt im System der Finanzmärkte, beschleunigt seinerseits die Herausbildung des Weltmarkts. Erst das internationale, schließlich weltumspannende Kreditsystem treibt die weltweite Spekulation und Überspekulation hervor, fördert die Verwandlung des Welthandels und der Weltfinanz in ein »kolossales Spiel- und Schwindelsystem«. Der entwickelte Kredit und das Spiel- und Schwindelsystem bringen Spekulationsblasen hervor, die unvermeidlich zu Börsenkrächen und Finanzmarktpaniken führen. Die Spekulationsblasen – immer neue, immer gewaltigere – beschleunigen, erweitern und modifizieren den industriellen Krisenzyklus, die charakteristische Bewegungsform des modernen Kapitalismus, die die Entwicklung des kapitalistischen Weltsystems seit 1815 bestimmt. Das war Marx schon klar, als er das »Kommunistische Manifest« schrieb.

»Was hätte er wohl zur gegenwärtigen Finanzkrise gesagt?«, fragen viele Journalisten. Er wäre auf jeden Fall nicht überrascht gewesen. Der Zusammenhang von organisierter Spekulation auf den Finanzmärkten und Weltwirtschaftskrisen war ihm völlig klar. Er hätte sich niemals einreden lassen, daß platzende Spekulationsblasen keine Folgen für die Realwirtschaft bedeuteten. Über die politische Klasse, die die Finanzkrisen schönredet und nicht wahrhaben will, hätte er sich ebenso wenig gewundert, wie über die Bankiers und Börsianer, die in Panik geraten und nicht wissen, was sie tun. Noch weniger hätte er sich über die Ökonomen gewundert, die jede Krise als merkwürdiges Ausnahmephänomen bestaunen, das es nach der Logik des »reinen Marktes« eigentlich nicht geben dürfte. Und über das Publikum, das verzweifelt nach Schuldigen sucht und mal die gierigen Banker, mal die Börsenspieler, mal den Staat anklagt, hätte er auch nicht gestaunt. Er kannte das. Nach den Krisen von 1846/47 und 1857/58 strengte das britische Parlament jeweils eine Untersuchung an, um künftigen Krisen vorzubeugen. Marx las und nutzte die Berichte dieser Untersuchungskommissionen eifrig (Auszüge daraus finden sich z.B. im dritten Band des »Kapital«). Sie lieferten ihm die schlagenden Beweise für seine These, daß die Herren der Wirtschaft ihr eigenes System, den Kapitalismus, ebenso wenig begriffen wie ihre politischen Wortführer.

Marx war mit den Phänomenen der Finanzkrisen im 19. Jahrhundert wohlvertraut. Er hat zahlreiche Geld- und Finanzkrisen erlebt, sie kommentiert und analysiert. Er begann sein erneutes Studium der politischen Ökonomie ab 1850 mit einem klaren Schwerpunkt: Geld, Kredit und Krisen. Er studierte die internationalen Geld- und Kreditverhältnisse in London, damals das finanzielle Zentrum und der einzige wahrhaft internationale Finanzmarkt der ganzen Welt. Regelmäßig las und exzerpierte Marx die Money Market Review und den Economist; mit der Börse und den eigenartigen Bewegungen der Geld- und Kapitalmärkte war er wohlvertraut. Friedrich Engels, als Manager eines der führenden deutsch-britischen Textilunternehmen in Manchester selbstverständlich Mitglied der dortigen Börse, wußte noch besser Bescheid und erstattete ihm oft Bericht

»Klassische« Störung 1857/58

Die erste große Weltwirtschaftskrise in der Epoche des modernen, industriellen Kapitalismus war die bereits genannte von 1857/58. Marx hatte sie seit Anfang der 50er Jahre erwartet und verfolgte ihre Ereignisse mit wachsender Spannung – in der Hoffnung auf eine neue revolutionäre Welle. Das ist der Grund, warum er sich im Herbst des Jahres 1857, während er fortlaufend Zeitungsartikel über die aktuelle Finanz- und Handelskrise schrieb, in den Abend- und Nachstunden daran machte, die Grundzüge seiner kritischen Politischen Ökonomie zu Papier zu bringen. Die Frucht dieser rasenden Arbeit war ein dickes Manuskript -heute bekannt als die »Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie«. Die Weltwirtschaftskrise ist in diesem Marxschen Text überaus präsent. Sie kündigte sich durch eine Serie von kleineren Bank- und Börsenkrisen, Geldkrisen in England, Frankreich und anderswo an. Marx und Engels nutzten jeden dieser Vorboten, um den baldigen Ausbruch der großen Krise vorherzusagen – und lagen oft falsch. Ihr Freund Wilhelm Wolff, genannt Lupus, machte sich einen Spaß daraus, über die Krisenprognosen der beiden Buch zu führen. Aber Marx und Engels waren weniger verrückt als ihre Gegner in der deutschen demokratischen Emigration, die Krisen schlicht für eine Erfindung der Marxianer hielten.

Im August 1857 begann die Krise mit einem Börsenkrach in New York. Marx und Engels verfolgten sie genau und waren begeistert davon, wie schön und geradezu klassisch sich diese Krise entwickelte, wie sie sich weltweit ausbreitete. An den politischen Reaktionen der Herren Unternehmer auf die Krise hatten sie ihre helle Freude: »Daß die Kapitalisten, die so sehr gegen das ‘droit au travail’ (Recht auf Arbeit – M. K.) schrien, nun überall von den Regierungen ‘öffentliche Unterstützung’ verlangen (…), also das ‘droit au profit’ (Recht auf Profit – M. K.) auf allgemeine Unkosten geltend machen, ist schön«, schrieb Marx an Engels am 8. Dezember 1857 (MEW 29, S. 223). Wie sie es erwartet hatten, griff die Börsen- und Kreditkrise rasch auf den Welthandel und die Exportindustrie über, nach den Spekulanten fielen die Handelsbanken, dann die Fabrikunternehmen, die Arbeitslosigkeit in den Handelszentren und Fabrikdistrikten stieg rapide. In kürzester Zeit wurden auch die Rohstoffexporte getroffen und die Welthandelsländer außerhalb Europas in die Krise hineingezogen.

Marx zog in den »Grundrissen« gegen die »falsche Kritik der Politischen Ökonomie« seiner sozialistischen Zeitgenossen zu Felde: Die Spekulation und Überspekulation war keineswegs die Hauptursache der Krise, sie war nur ein Symptom und ein beschleunigendes Moment. Es war auch nicht eine falsche Bankgesetzgebung, die zur Kreditkrise geführt hatte. Die gab es in der Form der »Peelschen Bankakte« von 1844, in vom englischen Premierminister Sir Robert Peel entwickelten Gesetze zur Geldpolitik. Marx hat sie deutlich genug kritisiert. Folglich war der Krise auch nicht durch eine Bank- oder Börsenreform beizukommen. Keine Geldreform, kein Herumdoktern an den Regulierungen der Finanzmärkte konnte die großen Weltmarktkrisen verhindern. Diese Krise, so Marx, »befindet sich außerhalb jeder Regierungsgewalt« (MEW 12, S. 318)

Fiktive Akkumulation

Einige Leute behaupten nach wie vor, es gebe keine Marxsche Krisentheorie. Tatsächlich ist die Sache verwickelt. Denn auf den ersten Blick gibt es im »Kapital« tatsächlich keinen Abschnitt, kein Kapitel über die Krise bzw. den Krisenzyklus. Marx hatte zwar als Abschluß seiner Kritik der Politischen Ökonomie ursprünglich ein Buch über die Krisen und den Weltmarkt geplant. Nicht zufällig, denn die modernen Krisen sind allgemeine Phänomene, in denen sämtliche Verhältnisse des Kapitalismus, von den allereinfachsten Verhältnissen des Warenaustauschs, des Privatkonsums, bis zu den verwickeltsten, kompliziertesten Verhältnissen der Finanzmarkttransaktionen auf einmal in Frage gestellt werden und aus dem Lot kommen. Nichts geht mehr, nichts bleibt, wie es ist, alle Sicherheiten und Gewißheiten des ökonomischen Alltagslebens werden gründlich erschüttert. In den periodisch auftretenden »Weltmarktungewittern« kommen alle Konflikte, alle Gegensätze, alle Widersprüche des modernen Kapitalismus auf einmal zum Eklat. Also kann eine Theorie, die darauf abzielt, all diese Gegensätze und Widersprüchlichkeiten auf den Begriff zu bringen, nicht an der Krise vorbei. Auch wenn es kein Kapitel über Krisen im »Kapital« gibt, Marx’ Theorie des Kapitalismus ist genau daraufhin, auf die Erklärung der Notwendigkeit periodisch wiederkehrender Krisen, auf die Begründung des Krisenzyklus als der notwendigen Bewegungsform des kapitalistischen Systems hin angelegt.

Die meisten Marxisten der klassischen Periode, heute nach der neuesten Intellektuellenmode als »Traditionsmarxisten« verachtungsvoll in die Ecke gestellt, haben das so gesehen: Marx’ Theorie der kapitalistischen Produktionsweise ist als Krisentheorie konzipiert und sollte auch so gelesen werden. Rosa Luxemburg zum Beispiel las den zweiten Band des »Kapital« konsequent als die Grundlegung für eine Theorie der zyklischen Krisen. Tatsächlich ist im Marxschen »Kapital« von den Krisen ständig die Rede, so oft und in so verschiedener Weise, daß man leicht den Eindruck gewinnen kann, es gebe bei Marx nicht eine, sondern eine ganze Reihe von besonderen Krisentheorien. Was den Anhängern der allerneuesten Marx-Lektüre entgeht: Marx hat nicht nur eine konsistente Krisentheorie zu bieten, man kann auch mit Hilfe der Kategorien der Marxschen Theorie die besonderen Formen der Weltmarktkrisen analysieren.

Schon im ersten Band des »Kapital« ist gleich zu Anfang von den »Geldkrisen« die Rede. Geldkrisen, so Marx, sind zweierlei – sowohl besondere Ereignisse, die aus Störungen auf dem Geldmarkt hervorgehen, als auch normale, regelmäßig wiederkehrende Phasen, die im Verlauf jeder großen Krise, in der Regel zu Beginn auftreten. Das gleiche gilt für die anderen besonderen Formen oder Phasen der Krise, die er unterscheidet: für die Kreditkrise, für die Bankenkrise, für die Börsenkrise. Im fragmentarischen und unvollendeten fünften Abschnitt des dritten Bandes des »Kapital«, den Engels kräftig redigiert hat, sind Elemente und Bausteine dieser Marxschen Krisentheorie in Hülle und Fülle zu finden, wenn auch nicht in Reih und Glied geordnet. Dort entwickelt Marx die Grundkategorien seiner Analyse der Finanzmärkte, also der Börsen, der fiktiven Börsenwaren und der Spekulation: das »fiktive Kapital« und die »fiktive Akkumulation« (d. h. Akkumulation fiktiver Kapitalien). Was wir im Moment erleben und was vielen Leuten schier unbegreiflich erscheint, ist eine massive und massenhafte Vernichtung von fiktivem Kapital, die von der Entwertung realen Kapitals, das in Fabriken und Produktionsanlagen oder auch Warenvorräten steckt, wohl zu unterscheiden ist. Mit Marxschen Kategorien läßt sich auch erklären, wie beides zusammenhängt, warum und wie die Auflösung »fiktiver Kapitalwerte« zur Krise der Realökonomie und Vernichtung realer Werte dort führen kann und führen muß.

In den analytischen Begriffen der Marxschen Theorie gesprochen: Wir haben eine Serie von Börsenkrisen, klassischen Paniken erlebt, die zur »Entwertung« von fiktivem Kapital geführt haben. Daraus ist eine Kreditklemme (Kreditkrise, Krise des Geldmarkts) entstanden, da die Banken auch im Interbankenverkehr solche entwerteten Wertpapiere nicht mehr als Kreditgrundlage akzeptieren. Die richtige Geldkrise im engeren Sinne würde eintreten, sobald die international verflochtene Kette der Zahlungsströme an irgend einer Stelle reißen würde. Dazu bedarf es, bei der heutigen Verflechtung im internationalen Bankensystem, nur eines weiteren großen Bankenkrachs. Wenn einige große Banken fallen, können über Nacht Milliarden an Zahlungen in einem schwarzen Loch verschwinden. Dann bricht der Zahlungsverkehr und mit ihm die noch funktionierende Form des »kommerziellen« Kredits oder Zahlungskredits zusammen. Mit der unvermeidlichen Folge, daß fortan nur noch Barzahlung gilt, also die heutige Geldzirkulation dramatisch zusammenschrumpfen würde

Flucht in Staatspapiere

Was wir im Moment erleben, ist eine Serie von Kapitalfluchten. Das Spekulationskapital ist nach dem Platzen der Dotcom-Blase aus Technologie- und Internetaktien in Immobilien geflüchtet, die als sicher und – dank eines scheinbar immerwährenden Booms – als hoch profitabel galten. Als die Immobilienblasen zu platzen begannen, flüchtete das internationale Spekulationskapital in die Rohstoffe bzw. den Warenterminhandel mit Rohstoffen. Inzwischen ist das flüchtige Spekulationskapital bei den einzigen Papieren angelangt, die noch so etwas wie eine sichere Geldanlage zu versprechen scheinen, bei den guten alten Staatsschulden. Das ganze internationale Finanz- und Währungssystem beruht auf dem Staatskredit – und zwar auf dem Kredit eines Staates, der Vereinigten Staaten von Amerika. Auch das hätte Marx kaum die Sprache verschlagen. Denn zu seiner Zeit war es ähnlich. Der berühmte internationale Goldstandard des 19. Jahrhunderts, der ohne internationales Abkommen, ohne Masterplan zustande kam, war de facto ein Pfund Sterling Standard, der auf zwei Säulen ruhte: Auf der zentralen Rolle des Finanzplatzes London als des einzigen internationalen Finanzmarkts, über den alle Transaktionen liefen, wo sich daher auch alle international operierenden Banken befanden. Und zweitens auf der britischen Staatsschuld. Britische Staatspapiere waren so gut wie überall auf der Welt zu haben und wurden genommen. Goldtransfers waren überflüssig, solange man mit britischen Staatspapieren zahlen konnte.

Marx starb im März 1883. In den letzten fünfzehn Jahren seines Lebens hat er seine Arbeit am »Kapital« und seine ökonomischen Studien fortgeführt. Nach dem Erscheinen des ersten Bandes des »Kapital« im Jahre 1867 gönnte sich der damals fast fünfzigjährige Marx keine Pause. Er begann erneut mit dem Studium der jüngsten Entwicklung der Geldverhältnisse und der internationalen Finanzmärkte. Denn 1866 hatte wieder eine Krise die kapitalistische Welt erschüttert, in der zahlreiche Banken untergingen. Marx hatte nur wenig dazu geschrieben; im »Kapital« selbst hatte er nur empirisches Material über die beiden Krisen von 1846/47 und 1857/58 benutzt. Und 1873 begann mit der nächsten Krise die erste große Depression in der Geschichte des Kapitalismus, die bis 1895 andauern sollte. Marx erkannte die Bedeutung dieses Wendepunktes und warf sich auf das Studium der US-amerikanischen Geld- und Kreditverhältnisse. Er und Engels hatten verstanden, daß eine bedeutsame Strukturveränderung der kapitalistischen Welt begonnen hatte. Als Engels ab 1884 aus Marx’ nachgelassenen Manuskripten den dritten Band des »Kapital« zusammenzustellen begann, war er sich dieser Transformation sehr bewußt und versuchte, durch Zusätze (sowie einen geplanten, aber nie vollendeten Anhang über die Börse) der Rolle des Finanz- und Spekulationskapitals gerecht zu werden.

Es versteht sich von selbst, daß sich in Marx’ ökonomischen Schriften keine Urteile oder gar Rezepte finden, die direkt auf unsere heutigen Krisenerfahrungen passen. Marx hatte seinerzeit – bei aller Begeisterung – den nüchternen Blick des Wissenschaftlers. Er sah, daß die erste große Weltwirtschaftskrise 1857/58 viel rascher überwunden wurde, als er erwartet hatte. Er suchte und fand eine rationelle Erklärung dafür. Er konstatierte, daß die kapitalistische Produktionsweise in einigen Teilen der Welt (wie in Nordamerika) noch ganz im Aufstieg befindlich war. Er war sich sicher, daß die nächste große Krise kommen würde. Heute denken wir nicht mehr an die Krise von 1857/58, sondern an die Große Depression und die Krise der Jahre 1929 bis 1932. Die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre, die bisher schwerste Krise der kapitalistischen Weltwirtschaft, bedeutete in der Tat einen Epochenbruch. Danach waren die Heilslehren des Liberalismus, die freien Märkte und der Freihandel über alles, auf Jahrzehnte diskreditiert. Auch in der heutigen Krise wankt die Alltagsreligion des Kapitalismus, verlieren die Dogmen und Doktrinen des neoliberalen Köhlerglaubens an Überzeugungskraft. Aber auch die gegenwärtige große Krise bedeutet nicht das Ende des Kapitalismus. Wohl ist das Ende des Finanzmarktkapitalismus US-amerikanischen Typus nahe, das Ende der Vorherrschaft der Wall Street als des einzigen und allen anderen überlegenen Modells für Banken und Kapitalmärkte. Marx war – nach Engels – einer der ersten, der den Aufstieg der USA zur Vormacht der kapitalistischen Nationen kommen sah. Die Strukturverschiebung zwischen den kapitalistischen Industrie-, Handels- und Finanzmächten, die jetzt im Gang ist, würde ihn kaum wundern.

Michael R. Krätke ist Mitherausgeber der Marx-Engels-Gesamtausgabe ( MEGA) sowie Fellow des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte in Amsterdam

Den Artikel erschien in der Jungen Welt vom 5.11.2008

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