Mit Methode. Heute »Das Kapital« lesen heißt: sich auf eine ungewohnte Denkweise und auf ein unabgeschlossenes Werk einzulassen, das Weiterdenken verlangt / Von Michael R. Krätke

Warum soll man ein Buch lesen, nein, einen dicken Wälzer von mehr als 2300 Seiten, eine Schwarte, die vor gut 140 Jahren zum ersten Mal erschienen ist? Die Rede ist von Karl Marx’ »Das Kapital«, einem der einflußreichsten Bücher in der Geschichte der Sozialwissenschaften. Marx teilt das Schicksal aller in die Jahre gekommenen Klassiker: Er wird fleißig gelobt, noch fleißiger verdammt, aber kaum gelesen. Inzwischen scheint das wieder anders zu werden. Weltweit ist eine Marx-Renaissance im Gang: in Lateinamerika, in Europa, in Asien. Marx zu lesen, ist wieder »in«. Obwohl »Das Kapital« keine leichte Lektüre ist.

Diejenigen, die über Marx reden, ohne ihn zu kennen, wissen nicht, was ihnen entgeht. Das »Kapital«, jedenfalls sein erster Band, ist nämlich ein Klassiker, der es in sich hat, ein in jeder Hinsicht bemerkenswertes Buch. Es steckt voller Überraschungen, unerwarteter Wendungen und verblüffender Einsichten. Marx war ein temperamentvoller Mann, ein Gelehrter mit enormem Biß, der scharf und differenziert formulieren konnte, der ebenso gern zu kräftigen Bildern griff, wie er die gesamte wissenschaftliche Literatur und gleich auch noch die Weltliteratur heranzog. Englische und französische Ökonomen, griechische und deutsche Philosophen, spanische, englische, französische Romanciers und Dramatiker, Shakespeare, Dante, Goethe ebenso wie Aristoteles und Sophokles sind seine Zeugen. Im »Kapital« finden wir leidenschaftliche Schilderungen, historische Skizzen, Polemiken, begriffliche Deduktionen ebenso wie Formeln und Tabellen. Wer Deutsch lesen kann, wird das Original bevorzugen. Obwohl Marx ausgezeichnet Französisch und Englisch schrieb, im Deutschen entfaltet sich seine ganze Sprachgewalt. Hochkomisch ist das zuweilen; die Säulen der akademischen Weisheit übergießt er mit Hohn und Spott. Seinen Humor haben die »Marxisten« bisher am wenigsten begriffen. Aber viele seiner berühmtesten Formulierungen im »Kapital« sind von ätzender Ironie. Der Mann war ein gefürchteter Polemiker, auch in seinem Hauptwerk macht er dem Professoraljargon der Eigentlichkeit keine Konzessionen.

Marx’ unvollendete Arbeit

Nicht wenigen von Marx’ Zeitgenossen fiel es schwer, seiner Argumentation zu folgen, seine eigentümliche »Entwicklungsmethode« zu verstehen. Heutigen Denkgewohnheiten widerspricht er noch mehr. Bei uns herrscht, allem offiziell verkündeten Pluralismus zum Trotz, eisern der Positivismus/Empirismus. Wem diese Denkweise einmal anerzogen worden ist, dem fällt es überaus schwer, Zusammenhänge und Verhältnisse zu denken, den Ablauf von Veränderungs- und Entwicklungsprozessen in Zeit und Raum zu begreifen, große Strukturen und langwierige Prozesse zu verstehen. Für ihn besteht die soziale Welt aus hochabstrakten, quasi dinglichen Einzelheiten, die man unterschiedlich benennen kann, die es aber auf jeden Fall einfach »gibt«, die so sind, wie sie sind, und auch so bleiben. Für Positivisten »gibt« es eine Ökonomie, eine »Politik«, so wie es »Recht«, »Moral«, »Geschichte« gibt. So »gibt« es eben Individuen und daneben etwas »Soziales«. Eine beliebig verlängerbare Reihe von Bindestrich-Soziologien oder Sonderdisziplinen macht die Sozialwissenschaft aus, über den Zusammenhang der Einzelerscheinungen und Spezialdisziplinen sollen gefälligst die Philosophen nachdenken.

Die zweite Hürde, die man beim Lesen des »Kapital« nehmen muß, heißt »Marxismus«. Als die »Kapital«-Lesebewegung Ende der 1960er Jahre in Westdeutschland begann, ging es darum, Marx anders und neu zu lesen, auf den Originaltext zurückzugehen. Die damals das »Kapital« zum ersten Mal oder neu für sich entdeckten, trauten weder der Lesart des parteioffiziellen Marxismus noch der des hochoffiziösen Antimarxismus. Mitten im Kalten Krieg, im Moment, wo die fast dreißig Jahre währende Nachkriegsprosperität des westlichen Kapitalismus unwiderruflich zu Ende ging, wollte man den authentischen, den ganzen Marx hinter den historischen Marxismen und unter dem anschwellenden Berg der Marx-Kritik wieder hervorholen. Wer Marx’ Kritik des Kapitalismus kennenlernen will, muß ihn auch heute im Original lesen. Aber naiv lesen kann man das »Kapital« nicht mehr. Die Geschichte dieses Buches sollte man kennen und bedenken. Die Marx-Kritik gehört ebenso dazu wie die zahlreichen »Kämpfe um Marx«, die Marxisten untereinander ausgefochten haben.

Da kommt die internationale Marx-Forschung ins Spiel, die es allem offiziellen Antimarxismus zum Trotz nach wie vor gibt. Das »Kapital« ist kein Jugendwerk, sein Autor war fast fünfzig Jahre alt, als der erste Band im Herbst 1867 endlich erschien. Am »Kapital« hat Marx fast vierzig Jahre lang gearbeitet, von seinen ersten genialen Skizzen in Paris 1843/44 bis zu seinen letzten Manuskripten (zum dritten Abschnitt des zweiten Buchs), die er im Sommer 1881, gut eineinhalb Jahre vor seinem Tode, aus der Hand legen mußte. Seit 1843 hat Marx ein doppeltes Projekt verfolgt: Die »Kritik der Politischen Ökonomie« und die »Kritik der Politik«. Ursprünglich wollte er damit in knapp zwei Jahren fertig sein. Aber als er im März 1883 starb, waren beide Vorhaben nicht abgeschlossen. Vom ersten Projekt waren ein riesiger Haufen unpublizierter und auch nicht zur Veröffentlichung bestimmter Forschungs- und Arbeitsmanuskripte vorhanden – plus ein noch größerer Haufen von Notizbüchern, Exzerpten und Materialsammlungen. Plus drei Bücher: Die Kritik aus dem Jahre 1847 an der »falschen Kritik der Politischen Ökonomie« des französischen Ökonomen Pierre J. Proudhon, die zwei ersten Kapitel des geplanten Werks (über Ware und Geld), 1859 unter dem Titel »Zur Kritik der Politischen Ökonomie« veröffentlicht, und 1867 der erste Band von »Das Kapital«. Zu Marx’ Lebzeiten erschienen noch eine überarbeitete und teilweise veränderte deutsche und eine französische Ausgabe (1872 und 1872–75) des ersten Bandes, der Autor plante weitere Ausgaben und Überarbeitungen, arbeitete aber vor allem an seinen Manuskripten zum zweiten und dritten Band. Das »Kapital«, so wie wir es heute kennen und lesen, ist eine unvollendete Arbeit. Das ist mit vielen Klassikern so. Aber der Fall Marx liegt anders, weil wir heute (dank der MEGA) über die meisten seiner Forschungsmanuskripte verfügen. Wir können den langen Weg zum »Kapital« im einzelnen rekonstruieren, wir können feststellen, an welchen Problemen Marx sich abgearbeitet hat und wie weit er dabei gekommen ist. Marx hat uns mit dem »Kapital« nämlich nicht nur eine Vielzahl von Einsichten und Erkenntnissen hinterlassen. Das »Kapital« samt Vorarbeiten und Manuskripten enthält auch eine ganze Reihe genuin »Marxscher« Probleme, die der Altmeister selbst nicht oder nicht befriedigend gelöst hat. Wer sich als Sozialwissenschaftler auf Marx einläßt, bekommt einiges zu tun.

Kritik an Theorie und Praxis

Als »Kritik der Politischen Ökonomie«, wie der Untertitel des Buches lautet, sollte man es auch heute noch lesen. Eine politische Ökonomie, so wie Marx sie kritisieren wollte, gibt es auf den ersten Blick nicht mehr. Politische Ökonomie ist gegenwärtig Sache der Politologen, die sich mit den Beziehungen von »Ökonomie« und »Politik« befassen oder die sich dem »ökonomischen Paradigma« unterworfen haben und die Modellwelten der Neoklassik auf alle möglichen und unmöglichen politischen und sozialen Phänomene übertragen. Aber politische Ökonomie (oder Sozialökonomie) ist auch ein Name für heterodoxe Theorieversuche, betrieben von Leuten, die die angeblich »reine«, in Wahrheit hochideologische Ökonomie der herrschenden Lehre kritisieren. Viele dieser kritischen Rebellen nähern sich heute auch Marx.

Marx wollte in erster Linie die klassische politische Ökonomie des Bürgertums in Frage stellen, die er als die fortgeschrittenste Form der Sozialwissenschaft seiner Zeit sah. Diese klassische politische Ökonomie gibt es heute nur noch selten, nur wenige Sozialwissenschaftler befassen sich noch mit diesen Klassikern, obwohl viele ihrer Lehrsätze sich in der heutigen herrschenden Lehre wiederfinden (daher »Neo«klassik oder »Neo«monetarismus). Marx meinte mit der Kritik der politischen Ökonomie nicht nur die Kritik einzelner Lehrsätze und Teiltheorien der klassischen Ökonomen. Die kommt auch an die Reihe, und zwar nicht zu knapp. Kaum ein Theorem der herrschenden Ökonomie wird ausgelassen, nicht die Lohnfondstheorie, nicht die Beschäftigungstheorie, nicht die Preistheorie. Schon in den ersten Kapiteln wird zum Beispiel die Quantitätstheorie des Geldes angegriffen, wonach die Veränderungen der Geldmenge die Preisbewegungen bestimmen. Die gegenwärtige Hochzinspolitik der Europäischen Zentralbank wird ganz und gar von diesem Uraltdogma bestimmt. Noch wichtiger ist Marx’ Kritik des Sayschen Gesetzes, wonach jedes Angebot sich seine eigene Nachfrage schafft. Auch diese Kritik beginnt bereits in den Anfangskapiteln des ersten Buchs, wo Marx gegen den französischen Ökonomen und Unternehmer Jean-Baptiste Say (1767–1832) und die gesamte bisherige (und spätere) Ökonomie die ersten und allgemeinsten Möglichkeiten eines Marktungleichgewichts, mithin einer Krise entwickelt. Ohne die Kritik am Sayschen Gesetz gibt es keinen Keynesianismus. Die Kritik kommt im wesentlichen von Marx – ungefähr siebzig Jahre vor dem britischen Ökonomen John Maynard Keynes.

Entdeckung der Selbstauflösung

Aber seine Kritik geht weiter. Er will nicht nur die Ökonomen, er will die kapitalistische Produktionsweise insgesamt kritisieren. Die ist eben ein durch und durch widersprüchliches Gebilde von Verhältnissen und Prozessen, die einander ständig in die Quere kommen. Reale Widersprüche zu denken, das hält kein positivistisch verbildeter Kopf aus. Marx hingegen kann das und zwingt seine Leser, Widersprüche auszuhalten, die Bewegung und Veränderung der widerstreitenden, konfliktträchtigen Tendenzen in Zeit und Raum zu verfolgen. Das führt zu überraschenden Einsichten, die bis heute gültig sind: Der moderne Kapitalismus ist zwar eine Marktwirtschaft, sogar die am höchsten entwickelte Marktökonomie der Geschichte, aber er ist zugleich eine Ausbeutungs- und Enteignungsökonomie, und zwar die intelligenteste, systematischste und effektivste Form der Ausbeutungsökonomie, die wir kennen. In keiner anderen Wirtschaftsform wird die Ausbeutung von Natur und menschlicher Arbeitskraft so fanatisch betrieben wie im Kapitalismus. Nur im Kapitalismus wird die Ausbeutung in allen Formen zur Kunst, ja zur Wissenschaft erhoben. Marx spricht das Geheimnis der politischen Ökonomie als »Bereicherungswissenschaft« zum ersten Mal klar und offen aus.
Der Kapitalismus folgt einer Logik, die sich aus dem Zusammenhang seiner Grundformen ergibt: Nur dort, wo es abstrakten Reichtum gibt, kann die Bereicherungssucht, die Ausbeutung und Enteignung anderer, maß- und ziellos werden, eine unendliche Bewegung. Kapitalistische Ökonomien werden nicht nach einem Masterplan, von einem Verschwörerzirkel der Reichen und Mächtigen gelenkt. Sie entwickeln sich quasi automatisch, als unbeabsichtigtes Resultat der höchst bornierten, rein privaten Aktivitäten vieler einzelner Kapitalisten (und Lohnarbeiter), durch ständige ökonomische Kämpfe und Konflikte hindurch. Der Clou dieser Entwicklung aber ist, daß die kapitalistische Produktionsweise, indem alle Beteiligten nur ihr ökonomisches Privatinteresse verfolgen, ihre eigenen Grundlagen untergräbt, ihre natürlichen, gesellschaftlichen, moralischen usw. Voraussetzungen zerstört. Der Kapitalismus, so Marx’ Fazit, geht an sich selbst zugrunde. Auch wenn seine selbstzerstörerischen Tendenzen gelegentlich durch politische Eingriffe aufgehalten werden können.

Damit nicht genug. Das »Kapital« ist auch eine Kritik der Ideologie, der spezifisch ökonomischen Denkweise, die eins der konstitutiven Elemente des modernen Kapitalismus ist. Denn der Kapitalismus ist von Anfang an mehr als nur Ensemble von besonderen Produktions- und Austauschverhältnissen – er ist zugleich eine Alltagsreligion, ein System von Vorstellungen und gängigen Denk- und Urteilsformen, die das alltägliche ökonomische Handeln aller Beteiligten bestimmen. In dieser ökonomischen Alltagsreligion tanzen die Tische, herrschen die gesellschaftlichen Dinge wie das »Geld«, regiert der Sachzwang. Aber nur, weil die wirklichen Verhältnisse so verdreht sind, daß sich die Akteure in einer »verkehrten Welt« bewegen. Marx will erklären, wie diese verkehrte Welt funktioniert – sie funktioniert gerade dank der verrückten Vorstellungen, die sie in den Köpfen der Beteiligten erzeugt. Die meinen, freie Akteure, selbstbestimmte Individuen zu sein. Tatsächlich sind sie Gefangene des Marktes, Sklaven der Konkurrenz, Hörige eines Systems von Fetischglauben, vom einfachen Waren- und Geldfetisch bis zum Kapitalfetisch. Wer Marx liest, lernt also einiges über die Scheinlogik der vermeintlichen ökonomischen Sachzwänge, die unser Leben, unser Alltagsleben ebenso wie die hohe Politik bis heute beherrschen.

Geschichtliche Bewegung denken

Das Interesse an Marx unterliegt konjunkturellen Schwankungen. In Zeiten der Krise ist Marx, der Kapitalismuskritiker, immer wieder gefragt. So heute, so vor zehn Jahren, als die Krise in Asien und deren Ausläufer in Rußland und Brasilien die Welt erschütterten. Damals erlebte Marx eine Art von Wiedergeburt. Anläßlich des 150. Jubiläums des »Manifests der Kommunistischen Partei« 1998 wurde Marx als Prophet der sogenannten Globalisierung in der Weltpresse entdeckt und gefeiert. In der Tat, im »Manifest« wird die neue Realität des Weltmarkts, einer kapitalistischen Weltökonomie geschildert, die »zivilisatorischen« Leistungen der modernen Produktionsweise gepriesen. Allerdings haben Marx’ neue falsche Freunde aus dem bürgerlichen Feuilleton vergessen, daß Marx nicht nur der Lobredner, sondern zugleich der schärfste Kritiker der »Globalisierung« war. Niemand hat die Freihandelsdoktrin und ihre Grundlage, die »falsche Theorie des internationalen Handels«, wie sie bis heute die Lehrbücher ziert, so scharf und vernichtend kritisiert wie der alte Marx. Im Weltmarkt sah er von Anfang an einen Ausbeutungszusammenhang, in dem sich die eine Nation (bzw. deren »Eliten«) auf Kosten der anderen bereichert. Auch im »Kapital« ist davon noch die Rede, vom Weltgeld, vom Welthandel, vom Weltmarkt, von der internationalen Konkurrenz der Kapitalien und von den internationalen Finanzmärkten. Die Gegenstände des ursprünglich geplanten letzten, des sechsten Buchs vom »Weltmarkt und den Krisen« sind im »Kapital« nicht ausgeführt, aber die Hinweise, die der Autor gibt, sind klar genug.

Im »Kapital« findet man keine Geschichte des Kapitalismus – wohl den begrifflichen und theoretischen Rahmen, um die Geschichte dieses Gesellschaftssystems, von den Anfängen, von seiner allmählichen Durchsetzung als »herrschende« Produktionsweise, über seine diversen Transformationen bis hin zu seinen unterschiedlichen Zukünften, begreifen und analysieren zu können. Das »Kapital« ist keine Darstellung des industriellen Kapitalismus im Großbritannien des 19. Jahrhunderts. Marx kannte die Kapitalismen seiner Zeit genau, insbesondere den britischen, französischen und US-amerikanischen hat er gründlich studiert – so wie auch die Anfänge der Entwicklung des Kapitalismus in Rußland oder in Japan. Die Entfaltung der englischen Industrie hielt er für »klassisch«, die übrigen kapitalistischen Länder würden gezwungen sein, ähnliche industrielle (und kommerzielle, finanzielle) Revolutionen zu durchlaufen.

Man findet im »Kapital« auch nicht das vermeintliche Gegenteil einer Geschichte des (englischen) Kapitalismus, keine »reine Theorie« eines »idealen« Kapitalismus pur, eine Modellkonstruktion, die nur auf logische Konsistenz (oder mathematische Stimmigkeit) hin gebastelt ist. Alle Kategorien, die Marx entwickelt, auch die allgemeinsten und abstraktesten, tragen eine »historische Spur«. Es geht im »Kapital« nicht um Geschichtsphilosophie, die nach Marx nichts erklärt. Es geht darum, die »eigentümliche Logik eines eigentümlichen Gegenstands« zu erfassen. Dieser Gegenstand, der moderne Kapitalismus, hat eine eigentümliche Entwicklungsdynamik – und genau darauf sind die berühmten Marxschen »Bewegungsgesetze« zugeschnitten. Die Analyse dieser eigentümlichen kapitalistischen Dynamik von Konkurrenz, industriellen Revolutionen, Akkumulation und Krisen kann aber nicht ahistorisch begriffen werden. Marx formuliert ökonomische Gesetze, die jeweils »spezifische« Gesetze sind, gültig nur in einem bestimmten Kontext von historischer Zeit und Raum. Wenn Marx von »Naturgesetzen« der modernen Ökonomie spricht, meint er das ironisch: In der modernen Gesellschaft, wo die Menschen von ihren Verhältnissen, von dem selbst geschaffenen Reichtum, von verrückten, fetischistischen Vorstellungen beherrscht werden, und nur dort, nehmen also die »Gesetze« ihres Zusammenlebens die eigenartige Form von »Naturgesetzen« an.

Das »Kapital« enthält eine Vielzahl glänzend bestätigter Aussagen über den künftigen Gang der kapitalistischen Entwicklung (von der Kommerzialisierung des Alltagslebens, über die Entwicklung der großen Industrie, die Konzentra­tion und Zentralisation des Kapitals bis zur Dominanz der Finanzmärkte). Auch deshalb ist es immer wieder gelesen worden. Es wurde immer wieder neu gelesen, weil Marx ein unbekannter Autor geblieben ist. Bis heute wurden neue Texte von ihm gefunden und erstveröffentlicht. Die neue Marx-Lektüre der Nachkriegszeit war von der Entdeckung der »Pariser Manuskripte« (aus dem Jahre 1844, 1932 zuerst veröffentlicht) und der »Grundrisse« (1857/58 geschrieben, 1939–41 zuerst veröffentlicht) geprägt. Heute sind es vor allem die bis vor kurzem unveröffentlichten Forschungsmanuskripte und die noch immer unveröffentlichten Materialien zum »Kapital«, die unser heutiges Lesen bestimmen. Daß wir sehr viel mehr vom authentischen Marx (und Engels) wissen, macht unsere Lektüre nicht einfacher. Eine wissenschaftliche Marx-Kritik wird jetzt zum ersten Mal möglich, ebenso eine ernsthafte Fortsetzung des unübertroffenen Marxschen Versuchs, die Sozialwissenschaft zu revolutionieren. Deshalb braucht man sich nicht voll Verachtung von allen Vorgängern abzuwenden. Der sogenannte Traditionsmarxismus hat nämlich nach wie vor einiges zu bieten an Einsichten, die für eine zeitgemäße Kapitalismuskritik notwendig sind. Marx neu lesen heißt nicht, alle anderen – Engels, Kautsky, Rosa Luxemburg, Hilferding, Otto Bauer, Gramsci, Karl Korsch z. B. – zu vergessen. Ganz im Gegenteil. Wer Marx heute liest, um die Gegenwart mit ihren Krisen und Katastrophen zu begreifen, wird die Einsichten wie die Irrtümer der Marxisten nach Marx brauchen.

Erschienen in: junge welt vom 2.10.2008

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